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Von Rotnasen, Grünstirnen und Blauwangen

Vater-Kind-Wochenenden für Inhaftierte aus offenem Vollzug – Erweiterte Kooperation


Von Rotnasen, Grünstirnen und Blauwangen

Beim Vater-Kind-Wochenende im Einsatz (v.l.) Brigitte Graß (Start´84), Björn Lohe (Institut für Kirche und Gesellschaft) und Melanie Mohme (Diakonie für Bielefeld gGmbH).

BIELEFELD/SAUERLAND. „Hagenunu: kleiner Indianer“ rufen Kinder und Väter Samstagabend beim Mitmachtheater. Die Kinder haben ihren Vätern bunte Gesichter geschminkt, den Mädchen werden Zöpfe geflochten und die Handpuppen Rudi und Pia sorgen mit bunter Farbe für Hingucker.

Zum sechsten Mal fand das Vater-Kind-Wochenende für inhaftierte Männer aus den offenen Vollzugseinrichtungen in NRW statt. Kooperationspartner für das Angebot waren die Diakonie für Bielefeld mit ihrem Angebot „Freiräume“, das Institut für Kirche und Gesellschaft der Ev. Kirche in Westfalen und erstmalig die Beratungsstelle Start´84 für Inhaftierte, Haftentlassene und deren Angehörige. Die Zusammenarbeit mit Start ’84 ist sinnvoll, da viele Familien im Ruhrgebiet leben und die Diakonie für Bielefeld bei Bedarf eine Nachsorge für die Teilnehmer organisieren kann. An dem Seminar, das finanziell vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW, der Diakonie für Bielefeld gGmbH und dem Institut für Kirche und Gesellschaft gefördert wird, nahmen sechs Väter und 13 Kinder unterschiedlicher Nationalitäten im Alter von drei bis 13 Jahren teil.

Bereits die Anreise zum Wochenende gestaltet sich abenteuerlich. Serpentinen führen den Berg hoch, auf dem sich die Familienbildungsstätte befindet. Dort, am Waldesrand, lebt auch – zur Freude der Kinder und Erwachsenen – das Lama Max, welches selbstständige Spaziergänge unternimmt und somit morgens die Kinder zum Frühstück durchs Fenster begrüßt. Nach der Anreise treffen sich alle, erstellen ihre Familien-Stammesbilder und tüfteln Batik-Techniken für ein zünftiges Stammes-T-Shirt aus. Abends gesellt sich der Unsichtbare Indianer von Janosch in dem abendlichen Deckenkreis zu den Kindern. Vorgelesen wird die Geschichte von einem Vater. „Zwei Tage und zwei Nächte mit meinem Papa in einem Zimmer, das gab es noch nie“, freut sich eine Neunjährige in der separaten Kinderrunde.
Am Samstag wird mit den Traumfängern gestartet, damit die guten Träume auch in den Zimmern bleiben. Regenrohre fürs abendliche Fest werden gebastelt. Und nachmittags kommt die Herausforderung: die Stammesprüfung.  Aber echte "Indianer" meistern alle Aufgaben: Bogenschießen, balancieren in schwindelerregenden Höhe, Sackweithüpfen und vieles mehr.

Doch dann der Höhepunkt: Lagerfeuer – auf dem Grill liegen die Würstchen und das Stammeszelt ist bunt geschmückt. Alle Kinder und Väter tragen ihre gebatikten T-Shirts, den Kopffederschmuck und haben geschminkte Gesichter.
Zu später Stunde erscheint der prachtvolle Häuptling Schmetterling und überreicht jedem eine Federauszeichnung für die gelungene Stammesprüfung.
Jeder Vater überreicht seinem Kind beziehungsweise seinen Kindern eine Perle für den schönsten Moment. Und zur Überraschung der Väter haben auch die Kinder Perlen zu verteilen. Man sieht Tränen in den Augen: voller Glück, Zuneigung, Bereicherung und Wohlbefinden. Die Berichte aus der Abschlussrunde machen deutlich, was an diesem Wochenende so wichtig war. „Mit meinem Papa zu kuscheln…“.  „Das Erste was ich morgens sehe, ist das Gesicht meines Kindes.“

In den Seminaren für inhaftierte Väter und ihre Kinder werden aktiv Beziehungspunkte ermöglicht, verbessert und gestärkt. Diese Beziehungsarbeit ist ein wichtiger Bestandteil der Wiedereingliederung von Inhaftierten. Zudem erfahren die Kinder, dass sie nicht alleine sind. Auch andere Kinder befinden sich in ähnlicher Lage wie sie, mit einem Papa im Gefängnis. Im Wochenendseminar erlebt die Gruppe gemeinsam Erfolgserlebnisse und emotionale Momente. Dennoch ist es NRW-weit bisher eine einzigartige Veranstaltung in dieser Form geblieben.